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Dieses Thema hat 12 Antworten
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 ALGERISCHE KULTUR
waharania Offline




Beiträge: 672

17.12.2008 09:14
Boualem Sansal: "Postlagernd: Algier" antworten

Boualem Sansal: "Postlagernd: Algier"

Bittere Wahrheiten für ein "blindes" Volk


Mit "Postlagernd: Algier" hat Boualem Sansal in seiner Heimat einen intellektuellen Mehrfrontenkrieg eröffnet: Der algerische Autor teilt in alle Richtungen aus und kritisiert sowohl die herrschende Klasse als auch die Islamisten. Beat Stauffer hat die Schmähschrift gelesen.

Anders als viele seiner Kollegen hat sich Boualem Sansal nicht ins französische Exil abgesetzt. In seinen Tiraden bleibt er seiner Heimat treu. Bitterere Wahrheiten über die einst so stolze Republik Algerien, noch bis in die 70-er Jahre als leuchtendes Beispiel eines Landes gefeiert, das sich dem kolonialen Joch durch einen heldenhaften Krieg entrissen hatte, lassen sich nur schwerlich finden.

Es ist ein Landsmann, der sie seinen Landsleuten vorhält; einer zudem, der es als wichtig erachtet hat, trotz Drohungen aller Art in seinem Land zu bleiben, statt sich in der ehemaligen Kolonialmacht zu etablieren. Boualem Sansal heißt der Autor, "Postlagernd: Algier" der schmale Band, den er im Jahr 2006 veröffentlicht hat und der nun auf Deutsch übersetzt worden ist.

Der "zornige und hoffnungsvolle Brief an meine Landsleute" – so der Untertitel – ist in einer schnörkellosen, lapidaren, direkten Sprache gehalten; einer Sprache zudem, die aus jeder Zeile eine tiefe Ernüchterung verströmt. Ohne Umschweife kommt der Autor zur Sache.

Das Schweigen über das, was in diesem "großen und schönen Land" wirklich geschehen ist und bis heute geschieht, diagnostiziert er als eines der größten Probleme Algeriens. "Und so kommt es, dass wir heute sind, wo wir sind", heißt es, "als Verstörte und Mittellose, Erstarrte und Verlegene, die nichts mehr zu leugnen oder zu lieben haben."

Schocktherapie und Weckruf

BBoualem Sansal geht mit Algeriens amtierenden Präsident Bouteflika hart ins Gericht. Dieses folgenschwere Schweigen und die mentalen Blockaden aller Art, die mit ihm verbunden sind, aufzubrechen, ist denn auch das erklärte Ziel des schmalen Bändchens. Dabei setzt Sansal auf eine Schocktherapie, um seinen Landsleuten die Augen zu öffnen und sie aus ihrer tiefen Lethargie aufrütteln.

Gnadenlos zerpflückt er die "nationalen Konstanten" und "naturgegebenen Wahrheiten" – etwa das "Arabertum" des algerischen Volks –, unerbittlich analysiert er die Verbrechen und das Versagen der politischen Führer seit der Erlangung der Unabhängigkeit; "jener alten Krokodile, die ruhelos das Wasserloch umschleichen: mit offenem Rachen, unmenschlichem Auge, den Schwanz bereit zum Peitschenschlag".

Auch "Herr Bouteflika" wird dabei in keiner Art und Weise verschont. Für Sansal ist der algerische Präsident "ein Autokrat der schlimmsten Art" und trage "eine sehr große Verantwortung" für die Entwicklung, die Algerien genommen habe, erklärte der Autor in einem Interview mit der Schweizer Zeitung "La Liberté".

Viel Schatten, wenig Licht

Es muss ein Ruck gehen durch Algerien - in seinem jüngsten Pamphlet liest Boualem Sansal seinen Landsleuten die Leviten. In seinem Rückblick auf die mittlerweile beinahe 50-jährige Geschichte des unabhängigen Staates Algerien vermag Sansal, der über viele Jahre ein hohes Amt im Industrieministerium bekleidet hatte – er war Directeur Général de l'Industrie" – nur wenige Lichtblicke zu erkennen.

Der Kampf des algerischen Volkes um seine Unabhängigkeit sei noch am Tag der Feuereinstellung "privatisiert" worden von Akteuren, denen es in erster Linie um ihre Karriere und ihre Pfründe gegangen sei. Sansal scheut sich nicht davor, vom "Bankraub des Jahrhunderts" zu sprechen, begangen von Leuten, die sich benahmen "wie gewöhnliche Hühnerdiebe".

Dennoch diagnostiziert der Autor einige Lichtblicke zu Zeiten "Boumediènes des Düsteren". Houari Boumediène agierte von 1965 bis 1978 als algerischer Staatschef. Er war mit Unterstützung der Armee durch einen blutigen Putsch an die Macht gekommen und vertrat einen am Islam orientierten Sozialismus.

In positivem Licht erscheint auch die Revolte der jungen Algerier im Oktober 1988; "der entscheidende antifaschistische Aufstand", der während kurzer Zeit ein Aufatmen, ja einen kollektiven Traum ermöglichte, der aber schon fünf Tage später durch die "totalitäre Maschine" des Staatsapparates niedergewalzt wurde.

Als Lichtblick wertet Sansal schließlich auch die kurze Amtszeit von Präsident Mohamed Boudiaf, der nach bloß sechs Monaten von einem Leibwächter ermordet wurde; ein politisches Verbrechen, das bis heute nicht lückenlos aufgeklärt ist.

Verschwendung der guten Jahre

In den Augen Sansals stellt seine Regierungszeit einen Schritt in Richtung Moderne dar. Abgesehen von diesen wenigen Momenten vermag Sansal in der Geschichte des unabhängigen Algeriens trotz den enormen Einnahmen, die durch den Export fossiler Brennstoffe ins Land strömten, kaum Positives auszumachen. "Wozu haben wir diese gesegneten Zeiten genutzt?", fragt sich der Autor. Seine Antwort ist bitterböse: zu nichts.

"Zu Krimskrams, Antennen zusammenbasteln, von Pontius zu Pilatus laufen, Visa ergattern, Zeug zusammenklauben, Ersatzteile, auch Schrott sammeln, Proviant für den Winter bunkern, uns alsdann übereinander lustig machen, das weltweite Durcheinander nachahmen (...), die Zeit totzuschlagen."

Keiner der algerischen Führer, so das Fazit Sansals, hat das Land wirklich weitsichtig gesteuert und das Schiff auf Kurs gebracht. Stattdessen wurden während Jahrzehnten hohle Politphrasen gedrechselt, wurde die Revolution glorifiziert und ein gewaltiger Führerkult betrieben, wurde schließlich ein System errichtet, mit dessen Hilfe sich alle Würdenträger nach Gutdünken am nationalen Reichtum bedienen konnten. Die "systematische Ausplünderung des Landes" durch die jeweiligen Machthaber ist denn laut Sansal auch eine der traurigen Konstanten in der jüngeren algerischen Geschichte.

Intellektueller Mehrfrontenkrieg

Sansal ist sich wohl bewusst, dass er seinen Landsleuten enorm viel zumutet, alle möglichen Empfindlichkeiten verletzt und zudem einen eigentlichen Mehrfrontenkrieg führt. Denn der Autor verschont weder die ehemalige Einheitspartei noch die Sicherheitskräfte und schon gar nicht die Islamisten, deren Gesellschaftsmodell er kategorisch ablehnt. Es ist zu befürchten, dass Sansal persönlich damit ein hohes Risiko eingeht.

Da alle seine Bücher seit der Veröffentlichung von "Postlagernd: Algier" in Algerien verboten aber sind, dürften seine Landsleute vorderhand nur auf Umwegen vom Inhalt der grimmigen Streitschrift erfahren. Für den europäischen Beobachter stellt sich die Frage, in welchem Maß Sansals Diagnose der algerischen Verhältnisse durch seine bodenlose Enttäuschung über den Gang der Dinge getrübt und in dem Sinn überzeichnet ist. Alles weist aber darauf hin, dass die tatsächlichen Zustände in Algerien sehr viel näher bei dieser Einschätzung liegen als bei den offiziellen Verlautbarungen.

Beat Stauffer

© Qantara.de 2008

ISBN-10: 3875362675
ISBN-13: 978-3875362671

bei amazon für 8,90 €




LG

Grit

Was immer passiert, tue immer so, als wäre es genau deine Absicht gewesen.
Paul Dickson

Kabyle Offline



Beiträge: 451

17.12.2008 18:10
#2 RE: Boualem Sansal: "Postlagernd: Algier" antworten

Hallo Waharania,

danke für die Info.
So wie du, Mustapha Zitouni nicht kanntest, kannte ich bisher Boualem Sansal auch nicht.
Er scheint nach der Beschreibung interessant und ich würde nun gern etwas von ihm lesen.

Gruß und Salam

Salima Offline




Beiträge: 279

17.12.2008 20:49
#3 RE: Boualem Sansal: "Postlagernd: Algier" antworten

Hallo Kabyle,

Boualem Sansal scheint ja plötzlich in aller Munde zu sein. Ich habe das Büchlein in Französisch..... wenn Du magst, dann schicke mir doch bitte eine private Mail mit Deiner Email-Adresse. Ich habe es gerade eingescannt, könnte Dir die PDF-Dateien schicken.

Liebe Grüße
Salima

Kabyle Offline



Beiträge: 451

17.12.2008 21:05
#4 RE: Boualem Sansal: "Postlagernd: Algier" antworten

Hallo Salima,

danke, es wäre sehr nett. Meine Email im Profil ist noch gültig.
Sonst schicke ich sie noch Mal gleich.

Danke im Voraus

Gruß und Salam

Salima Offline




Beiträge: 279

17.12.2008 21:22
#5 RE: Boualem Sansal: "Postlagernd: Algier" antworten

Hallo Kabyle,

habe das Büchlein schon geschickt. Wenn Du es gelesen hast, würde ich mich freuen, Deine Meinung dazu zu hören bzw. zu lesen.

Liebe Grüße
Salima

Kabyle Offline



Beiträge: 451

17.12.2008 21:39
#6 RE: Boualem Sansal: "Postlagernd: Algier" antworten

Hallo Salima,


vielen Dank!

Sobald ich es gelesen habe, würde ich dazu äussern.

Gruß und Salam

1ka Offline



Beiträge: 107

19.12.2008 09:56
#7 RE: Boualem Sansal: "Postlagernd: Algier" antworten


scannen erfullt einer strafbarer Handlung. Tatbestand wird Weiltweit geandet. Autor wird sich freuen keine royalties einzunehmen. Ist es eine neue Wirtschaftstheorie zur bekampfung der cyberkriminalitat oder der Beweis einer doppelter Morale? Ein pladoyer fur Recht und Ordnung ist auf jeden Fall nicht!

Fortsetzung folgt vor Gericht! feiert mal schon und bleibt gesund.

mahna Offline



Beiträge: 16

26.12.2008 16:21
#8 RE: Boualem Sansal: "Postlagernd: Algier" antworten

Boualem Sansal ist hoher Beamter im algerischen Industrieministerium. Für den Roman "Das verrückte Kind aus dem hohlen Baum" wurde er mit dem begehrten Michel-Dard-Literaturpreis ausgezeichnet. Sein Debut "Le Serment des Barbares" erhielt in Frankreich 1999 den vielbeachteten Prix du Premier Roman

Weitere Bücher von Sansal auf Deutsch:

Harraga
Erzähl mir vom Paradies
Der Schwur der Barbaren
Das Dorf des Deutschen

Wer sich nicht wehrt, endet am Herd :)

Kabyle Offline



Beiträge: 451

26.12.2008 17:29
#9 RE: Boualem Sansal: "Postlagernd: Algier" antworten

Hallo Mahna,

in der verlassenen Oase sind solche informationen wertvoll, um die Einsamkeit durch Lesen (solcher Bücher) hier zu überbrücken.

danke!

Gruß und Salam

mahna Offline



Beiträge: 16

27.12.2008 12:58
#10 RE: Boualem Sansal: "Postlagernd: Algier" antworten

@Kabyle

nichts zu danken :)

ist die oase wirklich so verlassen? ich weiss es nicht denn ich schreibe selten hier.

Wer sich nicht wehrt, endet am Herd :)

Kabyle Offline



Beiträge: 451

08.02.2009 22:54
#11 RE: Boualem Sansal: "Postlagernd: Algier" antworten

Hallo Salima,

wie gesagt, ich habe dieses Büchlein beim Hinflug in den Urlaub gelesen. Zuerst ein grobes Gesamtbild dessen, was, aus meiner Sicht, dieser Beitrag von Sansal äußerte.
Es drückte eine Art zusammengefasste „Bilanz“ aus. Dies war, aus meiner Sicht, vor allem für eine Kategorie von Algeriern gedacht, die die erste Elite Algeriens nach der Unabhängigkeit vertrat. Es geht aber um eine Elite, die kein Mitspracherecht hatte, wenn es um entscheidende politische Entscheidungen und Orientierungen ging. Deswegen war für mich dabei auch eine Verbitterung erkennbar.
Diese Elite, wenn sie sich nicht in das Einparteisystem integriert hat, lebte größtenteils später im Ausland oder ist inzwischen eine (fast) schweigende Minderheit in Algerien. Zu dieser Minderheit zähle ich auch den Verfasser und er wendet sich explizit an seine „Landesleute“.
Man fühlt dabei die Sehnsucht von dem, was hätte besser laufen können, wenn man mehr „Fachleute“ und Strömungen der damaligen Elite ins Boot der Regierenden mitgenommen hätte.
Er hat, aus meiner Sicht, viele Wahrheiten geäußert. Nun könnten wir, wenn Du möchtest, auf einzelne Abschnitte eingehen, die möglicherweise bei Dir Kopfzerbrechen verursachen.
Dafür muss ich aber zuerst den Ausdruck der Blätter, die Du mir geschickt hast, finden. Denn jetzt kurz nach dem Urlaub, habe ich nicht richtig ausgepackt bzw. ich finde sie noch nicht.
Im schlimmsten Fall muss ich sie noch Mal ausdrucken.


Gruß und Salam

Salima Offline




Beiträge: 279

11.02.2009 00:01
#12 RE: Boualem Sansal: "Postlagernd: Algier" antworten

Hallo Kabyle,

lass Dir Zeit mit dem Auspacken. Ich komme bestimmt später noch darauf zurück. Bin gerade dabei ein anderes nicht weniger interessantes Buch zu lesen.

Tschüss
Salima

Kabyle Offline



Beiträge: 451

29.03.2009 13:46
#13 RE: Boualem Sansal: antworten

Hallo,

anbei ein Beitrag von Boualem Sansal aus der frz. Zeitung "le Monde". Es ist leider auf französisch.


http://www.lemonde.fr/opinions/article/2...73768_3232.html


Gruß und Salam

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