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DarkEyes Offline



Beiträge: 119

19.05.2009 17:26
Im Herzen der algerischen Ölindustrie antworten

Im Herzen der algerischen Ölindustrie

Die Öl- und Gasvorkommen in Hassi Messaoud locken auch Deutschland



HASSI MESSAOUD – Ein junges Dromedar kaut genüsslich an einem Dornenstrauch herum. Es ist in der Nähe eines weiß getünchten Brunnens angebunden, der dem algerischen Wüstenort seinen Namen gab: Hassi Messaoud, der Brunnen des Beduinenjungen Saoud, der hier im 19. Jahrhundert nach Wasser gegraben hatte und stattdessen auf Öl gestoßen war.

Diese Anekdote ist handschriftlich auf Arabisch auf einer Metalltafel neben dem Brunnen festgehalten. Besucher kommen nur selten vorbei. Seit den 50er Jahren schlägt in Hassi Messaoud in der östlichen Sahara das Herz der algerischen Öl- und Gasindustrie.
Algerisches Gas wird auch für Deutschland immer wichtiger.

Wild wuchernde Stadt

«Als wir in den 80er Jahren herkamen, gab es hier nur ein ausgetrocknetes Flussbett, Sanddünen und die ersten Camps der Ölgesellschaften», erzählt eine Frau mit Kopftuch und langem Mantel, die auf dem Markt Tomaten kauft. «Wir bekamen Unterkünfte von Sonatrach, dem staatlichen Ölunternehmen», sagt sie. «Einkaufen
konnten wir nur einmal in der Woche.»

Seitdem ist die Stadt wild gewuchert, ohne jede Baugenehmigung. Am Stadtrand sind die riesigen
Flammen der Bohrtürme zu sehen, wo überschüssiges Gas abgefackelt wird. Hin und wieder quillt dicker schwarzer Rauch auf, wenn nach neuen Bohrungen die Qualität des Gases getestet wird.

Etwa 400.000 Menschen leben hier, viele von ihnen in
heruntergekommenen Betonbaracken inmitten von Müllbergen. Einige Häuser stehen direkt über den Pipelines. Die Bevölkerung ist im Schnitt jünger als anderswo, der Anteil der Frauen gering. «Nach
Hassi Messaoud kommen nur Leute, die in der Ölindustrie arbeiten», sagt die Frau, «sobald mein Mann in Rente geht, verschwinden wir auch wieder von hier.» Die Regierung will am liebsten alle Stadtbewohner umsiedeln, zumal unter den Häusern Ölvorkommen vermutet werden.

Riesiges militärisches Sperrgebiet

Hassi Messaoud liegt mitten in einem riesigen militärischen Sperrgebiet etwa eine Flugstunde südöstlich von Algier. Auf der Landkarte ist die Gegend mit lauter Punkten übersät, Symbole für die
Öl- und Gasbohrungen. Mehr als 120 neue Löcher werden jedes Jahr gebohrt. Im internationalen Vergleich liegt Algerien allerdings noch weit zurück: Im Schnitt gibt es hier zehn Bohrungen pro 10.000 Quadratkilometer, in den USA sind es fünfzigmal so viel. Algerien liegt weltweit an zehnter Stelle beim Ölexport und auf Platz vier beim Export von Flüssiggas.

Mohamed Fechkeur ist ein Unternehmenschef vom alten Schlag, der gerne Hände schüttelt und überall persönlich nach dem Rechten schaut. In den vergangenen zehn Jahren hat er am Stadtrand von Hassi Messaoud
eine riesige Anlage aufgebaut, die internationalen Ölfirmen Unterkünfte, Büroräume und logistische Unterstützung bietet. Als junger Mann hat Fechkeur in Halle studiert und dabei sein Herz an Deutschland verloren. «Ich liebe deutsche Qualität und deutsche
Ordnung», sagt er.

Koch aus dem Schwarzwald

Das RedMed-Lager ist eine Grünoase mitten in der
Sahara – und beschäftigt unter anderem etwa ein Dutzend schwäbische Handwerker und einen Koch aus dem Schwarzwald. «Halt! Warum stellt Ihr die hier ab? Die sollen doch dorthin!» ruft Fechkeur aus dem Auto heraus einem Arbeiter zu. Ein Konvoi von Schwertransportern trifft im Lager ein, jedes Fahrzeug ist mit einem containerähnlichen Bungalow beladen. «Das sind Sahara-Kabinen, die haben wir in Texas bestellt», erklärt Fechkeur. «Die sind bestens für
die Wüste geeignet.» In den Kabinen sollen Ölarbeiter wohnen, die an den Bohrtürmen arbeiten und jeweils vier Wochen am Stück bleiben.

Die Verwaltungsangestellten wohnen direkt im RedMed-Lager. Es gibt ein Schwimmbad, einen Sportraum, Ärzte, kabelloses Internet und Satellitenfernsehen. «Man hat hier eigentlich alles, was man braucht, und dazu jeden Tag blauen Himmel und Sonne», sagt Erika Himmelsbach,
die Assistentin von Fechkeur. Sie ist mit ihrem Mann Günter Boppel aus Gengenbach im Schwarzwald in die algerische Sahara gekommen. Boppel bekocht das ganze Lager mit Spätzle, Maultaschen und anderen international bekannten Speisen.

Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz

«Das einzige was stört, ist die Tatsache, dass man kaum aus dem Lager herauskommt», sagt sie. Alle sechs Wochen reisen die beiden für drei Wochen in die Heimat – dann stehen Einkaufen, Friseur und jede Menge Besuche auf dem Programm. «Die Menschen sind alle so
freundlich hier», meint Himmelsbach, «das sind wir von Deutschland gar nicht mehr gewöhnt.» Etwas Sorge macht ihr lediglich der bevorstehende Sommer, wenn die Temperaturen bis zu 50 Grad erreichen können.

Fechkeur hat die Ölbasis aufgebaut, als er schon das Rentenalter erreicht hatte. Zuvor hatte er unter anderem eine technische Hochschule für die Ölindustrie gegründet und die deutsch-algerische Handelskammer mit auf den Weg gebracht. Die Zahl der Mitglieder ist
von einst etwa 40 auf mehr als 500 gestiegen. Im November 2008 erhielt Fechkeur für seine Verdienste um die deutsch-algerische Zusammenarbeit das Bundesverdienstkreuz. «Eine schöne Überraschung»,
sagt er bescheiden. «Deutschland ist ein Land, für das ich sehr viel Respekt habe.»


Das deutsche Interesse an Algerien ist in den vergangenen beiden Jahren erheblich gewachsen – nicht zuletzt, weil Deutschland aus Algerien Gas beziehen möchte. Deswegen reisten auch Bundespräsident Horst Köhler und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) kurz hintereinander nach Algerien und beschworen die deutsch-algerische Freundschaft. Wenn Deutschland Gas aus Algerien bekommen kann, wird es unabhängiger
von den Lieferungen aus Russland.

98 Prozent des algerischen Exportgeschäfts

Präsident Abdelaziz Bouteflika, der im April für eine dritte Amtszeit wiedergewählt wurde, weiß, dass Algerien noch lange von den Öl- und Gaseinnahmen profitieren wird. Sie machen etwa 98 Prozent des
Exportgeschäfts aus und bringen reichlich Devisen. Derzeit soll Algerien bis zu 140 Milliarden Dollar (rund 103 Milliarden Euro) in der Kasse haben.

Der Energieversorger E.ON Ruhrgas hat Ende 2008 erstmals eine eigene Explorationslizenz für ein Gebiet erhalten, in dem Öl und Gas vermutet werden. Das Unternehmen will 40 Millionen Euro investieren und in Kürze mit den Bohrungen beginnen. Es hat bereits ein Büro in der RedMed-Basis eröffnet. «Wenn wir nichts finden, dann melde ich mich mindestens vier Wochen krank», sagt scherzend der E.ON-Vertreter für Nordafrika, Hubert Mainitz. Die geologischen Untersuchungen seien aber verheißungsvoll, fügte er hinzu. «Es ist nur ein erster Schritt in Algerien, wir wollen eine langjährige Partnerschaft», betont er.

Sicherheit verbessert

James Matthew kennt das Leben auf einer Ölbasis seit Jahren. Der stämmige Brite mit rasiertem Kopf und tätowierten Oberarmen arbeitet als Logistiker für das Unternehmen British Gas. «Wenn man hier ist, dann konzentriert man sich nur auf seine Arbeit», erzählt er. «Wir arbeiten vier Wochen ohne Ruhetag durch und haben dann vier Wochen frei.» In den vergangenen Jahren habe sich vor allem die Sicherheit auf den Bohrtürmen verbessert – sowohl mit Blick auf Unfälle als auch mit Blick auf mögliche Anschläge.

Ein Fehler bei einer Bohrung kann dramatische Folgen haben, das Gas steht unter hohem Druck und ist leicht brennbar. Vor drei Jahren ist es in Hassi Messaoud zum letzten großen Unfall gekommen, bei dem drei Menschen starben. Ein gewaltiger Feuerball war aus dem Bohrloch
geschossen und hatte Gerätschaften im Wert von Millionen zusammenschmelzen lassen. «Die Sicherheitsvorkehrungen sind bei internationalen Gesellschaften deutlich höher als bei algerischen»,
sagt Matthew. «Da trifft man auch schon mal Ölarbeiter in Flipflop-Sandalen an.»

Von Anschlägen bislang verschont

Obwohl es in Algerien fast täglich zu Anschlägen gegen Polizisten und Soldaten kommt, ist die Ölindustrie bisher weitgehend verschont geblieben. Entführungen ausländischer Ölarbeiter, wie sie etwa in
Nigeria immer wieder passieren, hat es in Algerien bislang nicht gegeben. «Die Ölanlagen sind bestens unter Kontrolle», erklärt Matthew. Jeder einzelne Bohrturm werde von Soldaten bewacht, die Mitarbeiter der Ölfirmen bewegten sich fast immer mit Polizeieskorte.

«Wenn das nicht so wäre, dann müssten wir uns sicher Sorgen machen», meint Matthew. Schließlich hat die Terrorgruppe El Kaida im Maghreb die ausländischen Ölfirmen in Algerien ausdrücklich als mögliches Ziel von Terroranschlägen genannt.

Kampf gegen die Umweltsünder

Zu den Deutschen, die sich immer wieder mal auf der RedMed-Basis aufhalten, zählt auch der Badener Hans Karp. In seinem Büro in einem der weiß gestrichenen Container befindet er sich ständig im Kampf - im Kleinen gegen die Fliegen, die ihn ungeachtet seiner
Fliegenklatsche umschwirren, und im Großen gegen die Umweltsünder in der Ölindustrie. «Es ist unglaublich, wie es da in der Wüste aussieht», schimpft er. «Die hinterlassen eine Riesensauerei, und niemand kümmert sich darum.»

Ideen hat der Mann mit dem weißem Schnauzer und der roten Brille, der lange für die GTZ (Gesellschaft für technische Zusammenarbeit) in Algier gearbeitet hat, mehr als genug. Es fängt damit an, dass er am liebsten auf jedem Bohrturm die Wasserflaschen sammeln und schreddern möchte. «Die Ölarbeiter trinken literweise Wasser, und bisher fliegen die Flaschen einfach so in die Wüste», kritisiert er. «Die kann man doch auch wiederverwerten.»

Wie gigantische Gartenfackeln

Wesentlich schlimmer als die Plastikflaschen ist allerdings der Bohrschlamm, eine Mischung aus Sand, Öl und Chemikalien, die das Grundwasser erheblich belastet. «Das ist eine Riesen-Umweltsauerei», sagt Karpe. Der Schlamm lasse sich mit Zement festigen oder
verbrennen, aber die umweltfreundlichste Lösung sei der biologische Abbau. «Dafür gibt es besondere Bakterien, die Norweger haben uns das längst vorgemacht», sagt Karpe. Doch sei die Bereitschaft zu
umweltfreundlichen Handeln in der algerischen Ölindustrie noch nicht besonders ausgeprägt – vor allem, wenn dies mit Kosten verbunden ist.

Wenn in Hassi Messaoud die Sonne untergegangen ist, wird es empfindlich kalt, aber nie ganz dunkel: An den Bohrtürmen wird weiter überschüssiges Gas abgebrannt, und aus der Ferne sehen die hohen Flammen aus wie gigantische Gartenfackeln.

Ulrike Koltermann (dpa)


http://www.nn-online.de/artikel.asp?art=1021011&kat=5&man=3

qol 3otla fiha l´kheir!

waharania Offline




Beiträge: 672

19.05.2009 20:28
#2 RE: Im Herzen der algerischen Ölindustrie antworten

umweltschutz, soziale probleme, bildung - da werden wir wohl noch lange auf besserung warten müssen, denn kein europäisches land wird irgendwie intervenieren, denn dann könnte ja möglicherweise der öl-gans-hahn abgedreht werden.....

LG

Grit

Was immer passiert, tue immer so, als wäre es genau deine Absicht gewesen.
Paul Dickson

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