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 ALGERISCHE KULTUR
Bavarois Offline




Beiträge: 804

16.11.2013 00:42
Das Gewissen der Welt antworten

Von Fritz Peter Kirsch

Albert Camus (1913-1960) wurde als Kind französisch-menorquinischer Eltern in Algerien geboren. Sein Werk beleuchtet Glanz und Tragik des Menschendaseins. Am 7. November jährt sich sein Geburtstag zum 100. Mal.

Kein langes Leben war ihm beschieden: Im Jänner 1960 fiel der Schriftsteller Albert Camus einem Autounfall zum Opfer. Bei dem Toten fand man eine Aktentasche und darin das unvollendete Manuskript des Romans "Le Premier Homme" (Der erste Mensch). Dieses Fragment musste bis zu seiner Veröffentlichung noch 34 Jahre warten, lieferte dann jedoch einen starken Impuls hinsichtlich der Neuorientierung der Diskussionen über Camus, welche bis heute nichts an Intensität verloren haben.

Das Lebenswerk des Autors, so wird in jenen Diskussionen oft betont, trägt den Stempel leidenschaftlicher Anteilnahme am Schicksal seines Heimatlandes Algerien. Diese Verbundenheit galt in erster Linie einer Gemeinschaft von Einwanderern aus mehreren Ländern Europas, die von Frankreich zwecks Errichtung einer Siedlungskolonie ins Leben gerufen wurde und sich im Laufe des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts zu einer relativ eigenständigen Gesellschaft entwickelte, als privilegierte Minderheit von der Marginalisierung und Unterdrückung der arabisch-berberischen "Eingeborenen" profitierend.

Damit wurde Albert Camus sozusagen hineingeboren in einen Konflikt, der um die Mitte des 20. Jahrhunderts in einem blutigen Unabhängigkeitskrieg seinen Höhepunkt fand. Der Krieg veranlasste die Gruppe der "Algerienfranzosen" (heute auch als Pied-noirs, "Schwarzfüße", bezeichnet, ursprünglich ein Spitzname) nach dem Vertrag von Evian und dem Ende der Kämpfe, als der Schriftsteller schon seit zwei Jahren tot war, zur Aufgabe der Heimat Algerien. Das gesamte Schaffen von Albert Camus steht im Zeichen seines Bemühens, den Konflikt zu entschärfen und besonders in einer Zeit, in welcher die Weltkriege und der Kalte Krieg dem Algerienkrieg ihre Folien lieferten, den leidenden Menschen jedweder Herkunft als Dichter und politisch engagierter Publizist beizustehen. Die Ursprünge dieses Engagements finden sich in der Kindheit und Jugend eines Autors, der der untersten Sozialschicht der eingewanderten Bevölkerung entstammte.

Der Antikolonialist
Als Proletarierkind, das an der Armenkrankheit Tuberkulose litt und nur dank Stipendien die Schule besuchen und studieren konnte, entwickelte sich Camus zum Linksintellektuellen, der sich als Journalist, Theatermann, Romancier und Verfasser philosophischer Essais gegen den Kolonialismus in Algerien und darüber hinaus gegen jede Art von Unterdrückung wandte.

In seinem algerischen Umfeld hatte sich eine Literaturszene gebildet, die in ihren Anfängen von rechtspopulistischen Tendenzen geprägt war ("Algerianismus"), im Laufe der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aber als "Schule von Algier" Humanismus und Völkerversöhnung auf ihre Fahnen heftete. Camus teilte mit diesen Strömungen mehrere Quellen seines literarischen Wirkens: das Bewusstsein, einem sich gerade herausbildenden "neuen" Volk anzugehören, den Rückblick auf harte und die Nachwelt prägende Pionierzeiten (Camus gehörte einer der ersten im Lande geborenen Generationen an), wie auch die tiefe Verbundenheit mit dem Land und den Eingewanderten, die sich aus der Sicht des Schriftstellers als "erste Menschen" in einer "neuen Welt" behaupten mussten.

In seinem berühmten Roman "L‘Étranger" (Der Fremde, 1940) setzte der Autor den einfachen Leuten aus seinem Pied-noir-Milieu, die er im Lichte ihres (bewussten oder unterbewussten) Strebens nach einer neuen Identität als "Mittelmeermenschen" empfand, ein berührendes Denkmal. Niemand hat die latente und manchmal bis zum Ausbruch von Gewalt anwachsende Spannung zwischen der Siedlerbevölkerung in Algerien und der Mehrheit der Autochthonen eindrucksvoller in Dichtung übertragen als Camus.

Auch der Gegensatz zwischen der naturnahen Schlichtheit des kleinen Pied-noir und den Normen und Werten der dominierenden Gesellschaft spielt im "Étranger" eine tragende Rolle. In allen seinen literarischen Werken wie auch durch zahllose Interventionen im öffentlichen Leben manifestierte sich das Bestreben des Autors, seinen Landsleuten europäischer Herkunft zu einem von Angst und Gewalt befreiten Selbstbewusstsein zu verhelfen und zugleich die Voraussetzungen zu einem friedensfördernden Dialog mit den Autochthonen zu schaffen.

Als ein gangbarer Weg zu diesen Zielen bot sich die Besinnung auf die elementare Conditio humana an. In seinen großen Essais "Le Mythe de Sisyphe" (Der Mythos von Sisyphos, 1942) und "L’Homme révolté" (Der Mensch in der Revolte, 1957) suchte der Denker Camus dieses Universell-Menschliche durch eine kritische Abrechnung mit Geschichtsdeutungen, Ideologien und Glaubenssätzen, die das Trennende begünstigten, freizulegen und im Sinne einer "mittelmeerischen", also auf den Erfahrungen der Pied-noir-Gruppe beruhenden Urbanität und Solidarität zu nutzen. Dabei war die Auseinandersetzung mit Kulturwelten, deren Andersartigkeit die Erfassung des Eigenen wie auch des Gemeinsamen förderte, von entscheidender Bedeutung. Als wichtigster gedanklicher Reibebaum bei der Suche nach der Eigenständigkeit des "mediterranen Denkens" (definiert in "La Pensée de Midi" im Schlusskapitel des "Homme révolté") erwies sich der Bereich des "Nordens". Erstmals begegnete dieser dem Autor bei einer Reise nach Prag (1936). Als Zone fruchtbaren Widerstandes in der Auseinandersetzung mit europäischen Dichtern und Denkern von Nietzsche über Kafka zu Dostoiewskij förderte dieser Norden die Bildung eines Weltbildes, das Camus als Modell für Algerien und zugleich als universelle Deutung der Beziehung von Mensch und Universum entwickelte.


Im Zentrum dieser Vision steht die menschliche Fähigkeit zur beglückenden "Freundschaft mit der Welt", der das Faktum des Sterben Müssens als Auslöser vielfältiger Manifestationen des Absurden entgegensteht. Da für Camus dieser Kontrast durch keine Transzendenz gemildert wird, gibt es nur zwei Auswege, den schlechten des Selbstmords, der nur die Herrschaft des Absurden bestätigt, und den positiven einer Revolte, die von ihrem metaphysischen Ansatz her (gegen den strafenden und belohnenden Gott wie auch gegen alle ideologisch gestützten Tyranneien der Menschheitsgeschichte) auf die Solidarität der Menschen angesichts einer grausamen und zugleich glückverheißenden Welt setzt.

Spezifisch "mediterrane" Elemente in diesem Weltkonzept sind die Bereitschaft zum Leben im Augenblick, das Maßhalten im Zwischenmenschlichen, das auf Toleranz hin orientierte Kommunizieren und der illusionslose Verzicht auf alle Verheißungen von Religionen und revolutionären Bewegungen.

Auch Frankreich hat für Camus Anteil am "Norden", vielleicht mit Ausnahme der Provence, wo er sich nach 1940, als ihn die Krankheit zwang, sein Algerien zu verlassen, anzusiedeln suchte. Die Kontakte mit dem Pariser Literaturmilieu waren vielfältig, stets von Spannungen geprägt. Als Leiter der Kampfzeitschrift "Combat" stellte er sich auf die Seite der Résistance, gegen die deutsche Besatzung. Die anfängliche Verbundenheit mit dem Kreis der Existentialisten um Jean-Paul Sartre wich angesichts der vorsichtigen aber letztlich hinnehmenden Kritik der Pariser am stalinistischen Sowjetkommunismus scharfer Gegnerschaft. Wie der Roman "La Chute" (Der Fall, 1956) andeutet, war Sartres Konzept des zur Freiheit verurteilten, sich unablässig neu erfindenden Menschen für Camus zu egozentrisch. Umgekehrt diagnostizierte Paris am "Homme révolté" und an "La Peste"einen Mangel an gedanklicher Disziplin und ein Zuviel an Gefühlsintensität. Aber dieser Konflikt war für Camus’ Suche nach dem Eigenen nicht minder anregend als die Begegnung mit der Andersartigkeit Zentral- und Osteuropas.

Beim Eintauchen in das Kulturerbe Frankreichs fand der Autor ein Element, das sich mit seiner "mediterranen" Weltvision gut vertrug, nämlich die im 17. Jahrhundert entwickelte Moralistik, die mit Moralpredigen nichts zu tun hat, sondern auf der Basis von Selbst- und Fremdbeobachtung Affektkontrolle und Rationalität des gesellschaftlichen Verhaltens fördert. In "La Peste", dem wohl bedeutendsten Roman Camus’ aus der Welt der Pied-noirs, führt dieses achtsame Durchleuchten des Umganges mit sich selbst und den anderen - von Camus mit einem Leitterminus der französischen Klassik als "Rechtschaffenheit" (honnêteté), bezeichnet - zum Sieg der Romanhelden über die Pestepidemie, dieses Symbol des Absurden verstanden als Inbegriff einer kosmischen Herausforderung.

Der Universalist
Camus’ Traum von einem friedlichen Algerien, in dem die Pied-noirs das koloniale Erbe überwinden und neue, bessere Formen des menschlichen Zusammenlebens entwickeln würden, ging nicht in Erfüllung. Seine letzten Jahre waren von Einsamkeit geprägt, wie auch von Depressionen angesichts eines von beiden Seiten überaus grausam geführten Krieges, in dem radikalisierte Elemente unter den Algerienfranzosen nicht minder inhuman agierten als manche ihrer Gegner. Aber schon zu seinen Lebzeiten konnten sich Leser in allen Ländern weder der sprachlichen Schönheit noch dem zwischenmenschlichen Ethos in den Werken von Albert Camus entziehen.

1957, mitten im Algerienkrieg, hat man ihm den Nobelpreis verliehen, als Anerkennung eines Schaffens, das Glanz und Tragik des Menschendaseins beleuchtete, ohne je das Naheliegende der eigenen "mediterranen" Lebenswelt mit ihren Widersprüchen aus den Augen zu verlieren. Hätte Camus länger gelebt, wäre er vielleicht seiner im "Premier Homme" anklingenden Sehnsucht nach Überwindung der Spannungen, die ihn von der Kulturwelt der arabisch-berberischen Nachbarn trennten, nachgegangen und hätte mit allen Kräften bis zuletzt für ein Algerien der Versöhnung gekämpft.

Quelle: http://www.wienerzeitung.at

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