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 ALLGEMEIN
Bavarois Offline




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18.11.2013 17:25
Ärztemangel: Ohne Ausländer geht nichts mehr antworten

Immer mehr Mediziner aus dem Ausland kommen nach Deutschland – so wie Dallel Torche aus Algerien. In Hamburg gibt es zwar nur einen leichten Anstieg, aber auch hier ist die Zahl der ausländischen Kollegen gestiegen.

Von Franziska Coesfeld

Hamburg. In Deutschland arbeiten so viele ausländische Ärzte wie noch nie zuvor. Experten prognostizieren, dass dieser Trend anhalten wird. "Deutschland ist aufgrund des Ärztemangels in bestimmten Regionen und Bereichen zudem auf die ausländischen Ärzte angewiesen", sagt Hans-Jörg Freese, Sprecher der Ärztegewerkschaft Marburger Bund. In Hamburg gibt es zwar nur einen leichten Anstieg, aber auch hier haben die Zuwanderungszahlen zugenommen. Während es 2007 rund 470 ausländischen Mitglieder bei der Ärztekammer Hamburg gab, waren es 2012 fast 600.

Die ausländischen Mediziner schließen zum Teil auch die Lücke, die deutsche Kollegen hinterlassen, die etwa in die Schweiz, USA oder nach Skandinavien auswandern. Die Zahlen haben in den vergangenen Jahren zwar nicht zugenommen, sind aber nach wie vor auf einem hohen Niveau. Gründe für die Abwanderung sind vor allem die hohe Arbeitsbelastung und die schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Bundesweit ist die Zahl der berufstätigen Ärzte aus dem Ausland von 2007 bis 2012 um 11500 auf rund 28300 gestiegen – vergangenes Jahr kamen die meisten Mediziner aus Rumänien, gefolgt von Griechenland, Österreich und Polen. Doch mit dieser Entwicklung gehen auch Probleme einher, vor denen Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer und der Ärztekammer Hamburg, warnt. "Das darf nicht dazu führen, dass sich die Arbeitsbedingungen in Kliniken und Praxen verschlechtern und zum Beispiel künftig Ärzte zu Dumpinglöhnen arbeiten müssen", sagt Montgomery. Außerdem müsse zum Schutze der Patienten gewährleistet sein, dass die Qualität ärztlicher Versorgung auf gleich gutem Niveau bleibe und die Verständigung zwischen Ärzten und Patienten und Ärzten reibungslos verlaufe. "Daher setzen wir uns für Sprachtests ein, die vor Erteilung der Approbation der Behörden von Bewerbern zu absolvieren sind."

Der Ärztekammer Hamburg ist bislang nicht bekannt, dass es in der Hansestadt gravierende Probleme gibt. "In Bundesländern mit erheblichem Ärztemangel kann dies anders aussehen, wenn etwa die Zahl der eher schlecht deutsch sprechenden Ärzte die Zahl der deutschsprachigen Ärzte in Krankenhausabteilungen oder Praxen übersteigt", so Ärztekammersprecherin Nicola Timpe. Nach Angaben der Hamburger Gesundheitsbehörde sind allein diesem Jahr 112 Ärzten aus dem Ausland Approbationen erteilt worden, 2012 waren es 125. Zum Vergleich: im Jahr 2008 waren es gerade mal sechs. Behördensprecher Rico Schmidt weist dabei auf Änderungen der Rechtslage hin: "So wurde etwa 2012 die Gruppe derjenigen, die eine Approbation beantragen konnten, erheblich erweitert."

Zu den Ärzten, die gerne in Hamburg Fuß fassen möchten, zählt auch Dallel Torche. Die 32-Jährige hat ihr Medizinstudium in Sétif, einer Universitätsstadt in Algerien absolviert. Vor vier Jahren kam sie mit ihrem Mann, einem Ingenieur, nach Hamburg. Um ihre Approbation zu erhalten, nimmt die Mutter einer zweijährigen Tochter an einem Weiterbildungsprogramm für zugewanderte Ärzte aus nicht EU-Staaten teil. Nach einem dreimonatigen Sprachkurs, bei dem auch Kommunikationstraining mit Simulationspatienten auf dem Programm steht, ist sie nun seit Oktober für sechs Monate am Agaplesion Diakonieklinikum Hamburg (DKH) Ärztin im Praktikum. Torche, die sehr gut Deutsch spricht, arbeitet auf der Siloah-Station der Geriatrie, auf der demenzkranke Menschen behandelt werden. "Ich fühle mich hier sehr wohl und wurde von den Kollegen sofort integriert", sagt sie. "Im Gegensatz zu meiner Heimat gibt es hier gute Arbeitsbedingungen, Teamarbeit und regelmäßige Fortbildungen." Ein großer Unterschied zu Algerien sei zudem die vielfältigen Behandlungsmöglichkeiten dank der modernsten Technik. "Hier kann man den Patienten besser helfen." Nach ihrem Praktikum steht eine drei Monate lange Vorbereitung auf die sogenannte Gleichwertigkeitsprüfung an. "Wenn ich die bestanden habe und somit meine Approbation erhalte, finde ich hoffentlich schnell eine Anstellung." Am liebsten würde sie im DKH bleiben. "Ich bin sehr dankbar, dass ich hier die Chance bekommen habe, das Praktikum zu absolvieren." Zuvor habe sie von vielen Hamburger Kliniken Absagen erhalten.

Wenn die junge Frau nach der Prüfung eine Stelle findet, würde sie etwa 500 bis 600 Euro mehr monatlich verdienen als in Algerien. Die größte Hürde sei für sie bisher das Erlernen der deutschen Sprache gewesen, sagt Torche, die arabisch, französisch und englisch beherrscht. "Schwierig war auch herauszufinden, was ich genau tun muss und an wen ich mich wenden muss, um hier als Ärztin arbeiten zu dürfen." Das habe viel Zeit gekostet.

Ob auch Hamburg in Zukunft ausländische Ärzte benötigt, um die ärztliche Versorgung zu sichern, ist laut Ärztekammer derzeit nicht abzusehen. Für Hamburg als Medizin-Metropole sei die Prognose immer noch deutlich günstiger als in Bundesländern mit gravierendem Ärztemangel, heißt es. "Nach meiner Wahrnehmung sind Krankenhäuser in den Großstädten wie Hamburg noch nicht auf ausländische Ärzte angewiesen", sagt auch Jörn Wessel, Geschäftsführer des Agaplesion Diakonieklinikums Hamburg. "Aber die Bedeutung dieses Themas nimmt von Jahr zu Jahr zu. Wir merken das daran, dass die Bewerberlage für einige Disziplinen insgesamt dünner wird, zumindest im Vergleich zu den Vorjahren." Gleichzeitig erhalte das Klinikum mehr Initiativbewerbungen aus dem Ausland.

Dass in Deutschland in einigen Regionen bereits ein akuter Ärztemangel existiert, hat vielfältige Ursachen: der demografische Wandel und die damit einhergehende steigende Nachfrage nach Ärzten, die zunehmende Zahl von Medizinern, die in den kommenden Jahren in Rente gehen wird, und auch die Abwanderung von Ärzten ins Ausland. Allein von 2000 bis 2008 haben rund 19.300 Ärzte Deutschland verlassen. In Hamburg haben sich 2012 nach Angaben der Ärztekammer 15 Ärzte dazu entschlossen, im Ausland Fuß zu fassen – bundesweit waren es 2241.

Einer davon ist der Internist Marc Almeida, der 2010 in die schwedische Region Dalarna auswanderte. "Die Arbeitsbelastung in Deutschland war sehr hoch, die Überstunden wurden nicht vergütet und für die Familie blieb viel zu wenig Zeit", sagt der 33-Jährige. Als er nach der Geburt seines Kindes drei Monate in Elternzeit ging, war der Kommentar seiner Vorgesetzten: "Das kann ich nicht verstehen." Unter all diesen Bedingungen weiteren Nachwuchs zu bekommen, war für Almeida und seine schwedische Frau nicht vorstellbar. Umso leichter fiel dem Arzt die Entscheidung, in das Heimatland seiner Frau zu gehen, wo ihr zweites Kind zur Welt kam. Dort schätzt er vor allem die geregelten und flexiblen Arbeitszeiten. "Obwohl wir beide Vollzeit arbeiten, kann einer von uns die Kinder immer um 14.30 Uhr abholen", sagt er. "Außerdem geben einem die Kollegen das Gefühl, eine Bereicherung zu sein." Anders als in Deutschland fühle er sich und seine Arbeit wertgeschätzt. Wieder in der Heimat zu arbeiten – das kann sich Marc Almeida nicht vorstellen.

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Die 32-jährige Dallel Torche hat in Algerien Medizin studiert und will nun in Hamburg als Ärztin Fuß fassen

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